Diabetische Ketoazidose bei einem jungen Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes
Patientenprofil
- Name : Herr R., 28 Jahre alt, männlich.
- Vorerkrankungen: Typ 1 Diabetes Mellitus.
- Symptome bei Vorstellung: Übelkeit, Erbrechen, stark erhöhte Blutzuckerwerte.
Fallgeschichte
Ein 28-jähriger Mann mit bekanntem Typ-1-Diabetes mellitus wurde nachts per Rettungswagen in unsere Notaufnahme gebracht. Er war für eine kurze Reise unterwegs gewesen und hatte gegen Ende seines Aufenthalts mehrere Insulindosen ausgelassen, da ihm das Insulin ausging. Obwohl er sich zunächst gut fühlte, verschlechterte sich sein Zustand beim Rückkehr nach Hause rasch.
Er berichtete über zunehmendes Unwohlsein, Übelkeit und anhaltendes Erbrechen. Trotz Wiederaufnahme seines gewohnten Insulinplans bei der Heimkehr blieben seine Blutzuckerwerte kritisch erhöht. In Anbetracht der Symptome einer metabolischen Dekompensation kontaktierte der Patient den Notdienst.
Wir wurden im Voraus informiert und bereiteten die Intensivstation (ICU) für die Aufnahme eines Patienten mit Verdacht auf diabetische Ketoazidose (DKA) vor – eine ernsthafte und potenziell lebensbedrohliche Komplikation infolge absoluten Insulinmangels.
Bei Ankunft war der Patient sehr schläfrig, tachypnoeisch (hat schnell geatmet) und dehydriert. Eine sofortige Blutgasanalyse ergab:
- pH: 6,87 (zeigt eine schwere Azidose)
- pCO₂: 17 mmHg (erniedrigt infolge kompensatorischer respiratorischer Alkalose durch Hyperventilation zur CO2 Ausscheidung)
- HCO₃⁻: 3,1 mmol/L (stark vermindert, reflektiert eine ausgeprägte metabolische Azidose durch Akkumulation von Ketonkörper)
- Base Exzess: -31,5 mmol/L (bestätigt die ausgeprägte metabolische Azidose mit großem Pufferdefizit)
- Blutzucker: 750 mg/dL (kritisch erhöht, typisch bei DKA durch absoluten Insulinmangel)
- Ketone: +++ stark erhöht (bestätigt die Ketoazidose – Ketonkörper verursachen die Azidose, sie entstehen beim Abbau von Fettgewebe infolge von Insulinmangel)
- Laktat: 6 mmol/L (erhöht, zusätzlicher Beitrag zur Azidose infolge vom Erbrechen, Dehydratation und metabolischen Stress)
- Kalium: 8,9 mmol/L (falsch erhöht durch extrazellulären Shift; engmaschige Kontrolle während Insulintherapie erforderlich, da intrazellulärer Shift rasch eine Hypokaliämie auslösen kann)
Die Diagnose einer schweren diabetischen Ketoazidose wurde bestätigt. Die Therapie wurde sofort eingeleitet und umfasste:
- Intravenöse Insulininfusion
- Aggressive Flüssigkeitssubstitution
- Elektrolytkontrollen und Ausgleich (sehr wichtig: Kalium)
- Glukoseinfusion (später hinzugefügt, um eine zu rasche Blutzuckernormalisierung zu verhindern und Komplikationen wie Hirnödem zu vermeiden)
Im Laufe der Nacht besserte sich der Zustand des Patienten deutlich. Am Morgen zeigten sich folgende Blutgaswerte:
- pH: 7,39 (nahezu normal, Azidose im Rückgang)
- pCO₂: 35 mmHg (noch leicht erniedrigt durch andauernde respiratorische Kompensation)
- HCO₃⁻: 21,2 mmol/L (verbessert, zeigt Erholung des metabolischen Systems)
- Base Excess: -3,2 mmol/L (Erholung im Gange)
- Blutzucker: 455 mg/dL (kontrolliert und langsam absinkend, um Komplikationen zu vermeiden)
- Ketone: + abnehmend (Ketonelimination eingesetzt)
- Laktat: 0,8 mmol/L (normal)
- Kalium: 4,4 mmol/L (normal)
Die Insulininfusion wurde schrittweise reduziert, der Patient wurde auf subkutane Insulintherapie umgestellt. Anschließend erfolgte die Verlegung auf eine Normalstation mit intensiver Diabetesschulung vor der Entlassung in stabilem Zustand.
Wichtige Hinweise für Patienten und Angehörige
Schon wenige ausgelassene Insulindosen können bei Typ-1-Diabetes sehr gefährlich werden. Symptome wie Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit und schnelle Atmung können auf eine diabetische Ketoazidose (DKA) hinweisen – ein medizinischer Notfall.
Die gute Nachricht: Mit schneller Behandlung – inklusive Flüssigkeit, Insulintherapie und engmaschiger Überwachung – ist eine vollständige Erholung innerhalb weniger Stunden möglich.
Dieses Fallbeispiel zeigt, wie wichtig es ist:
- Insulin nie auszulassen, auch wenn man sich zunächst gut fühlt
- Frühwarnzeichen ernst zu nehmen
- Bei Unsicherheit sofort medizinische Hilfe zu holen
- Reisen gut zu planen und immer ausreichend Insulin dabei zu haben